21/11/2002 Eintrag: "Veränderungen und Kontinuitäten"

Es gab in den letzten Jahren eine Menge von Korrektur, Ergänzung und Differenzierung am Bild der preußisch-jüdischen Geschichte der Zeit 1750-1850. Viele davon kann ich gut nachvollziehen, einige würde ich sogar vorbehaltlos unterschreiben. Aber wenn ich jetzt dieses Thema in dreißig Minuten packe, komme ich mir vor, als würde ich den Erkenntnisstand von 1980 referieren. All die neuen Einsichten entfallen, es bleiben nur die Eckdaten, und an denen ist nicht zu rütteln. Sind die Forschungen der letzten zwanzig Jahre damit letztendlich nebensächlich, oder bin ich ein großer, konservativer Ignorant, der es nicht versteht, die Zeichen der Zeit aufzunehmen und umzusetzen ?

Natürlich könnte ich den Vortrag gänzlich anders gestalten, wenn ich das Berliner Judentum 1750-1850 nicht in eine brandenburgisch-preußische, sondern in die national-jüdische Geschichte einordnen würde. Aber ich bin kein Zionist, und mich überzeugt der reale Ortsbezug weit mehr als ein aus meiner Sicht viel zu unseliger nationaler Ansatz.
Vielleicht schlägt ein Strukturalist eine sozialgeschichtliche Herangehensweise vor ? Auch dann wäre eine andere Vortragsgestaltung möglich. Nur daß alle Zuhörer einschlafen würden.
Die einzige Alternative, für die ich mich erwärmen könnte, wäre eine personenorientierte. Bei einem Zeitraum von einhundert Jahren heißt das: eine familienorientierte. Bei meinem Kenntnisstand kämen dafür nur die Mendelssohns in Frage. Aber das wäre ein anderes Thema, gut brauchbar womöglich für einen Salon im kommenden Jahr.

Kommentare

Dass die Eckdaten mit dem Erkenntnisstand von 1980 identisch sind, ist ein unangenehmes Eingeständnis! Ist dies nicht nur bei historischen Themen aus der Zeit vor 1900 möglich, die schon länger ein reges wissenschaftliches Interesse auf sich gezogen haben? Auf Caesar und Augustus kann man zum Beispiel einen völlig anderen Blick werfen, als es im 19. und 20. Jh. geschehen ist – aber man kann sich nicht sicher sein, ob die eigene Sicht nicht mit der der Renaissance, des Barock oder der Aufklärung nahezu indentisch ist! Und eventuell hatte ein bislang übersehener Chronist des Hochmittelalters sogar noch mehr Quellen zur antiken Geschichte zur Verfügung... ein Hoch auf die Zeitgeschichte!

Benedikt || 11/22/2002 12:25 AM CET

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