10/12/2002 Eintrag: "Irangespräche"

Ein kleiner Bericht vom Gummersbach-Wochenende soll trotz Zeitproblemen meinen Lesern nicht vorenthalten bleiben. Es war ein inhaltlich hochkarätiges Seminar mit einem riesigen Teilnehmerkreis von über siebzig Leuten. Die meisten der Teilnehmerwaren Iraner, in fortgeschrittenem Alter und meist paarweise auftretend. Nur vier der Anwesenden waren Stipendiaten: ein Iraner, ein Afghane, ein Sachse und ich. Die Folge war, daß ich nur wenig Kontakt zu anderen Leuten knüpfen, mich dadurch aber umso besser auf die Inhalte konzentrieren konnte. Die Situation des heutigen Iran wurde aus verschiedenen Blickrichtungen beleuchtet: außenpolitische Rahmenbedingungen, Wirtschaft, Volks. und Religionsgruppen, Bildung und Jugend. Hinzu kam ein Referat zu Iranern in Deutschland.
Nun kann und will ich die Vorträge hier nicht wiederholen. Aber ein paar Einzelinformationen möchte ich doch aufzählen.

Die Bevölkerungszahl des Iran hat sich seit der Revolution von ungefähr 33 auf heute ungefähr 66 Millionen verdoppelt. Das bedeutet, daß 2/3 der heutigen Iraner jünger als 25 Jahre sind. Erst vor wenigen Jahren ging das Regime zur Propagierung der Geburtenkontrolle über.

Iraner gibt es eigentlich gar nicht. Ähnlich wie im Fall Afghanisten leben auf dem Staatsterritorium verschiedene Volks- und Religionsgruppen wie Perser (die keinesfalls die absolute Mehrheit der Bevölkerung bilden), Aserbaidschanen, Kurden, Araber, Turkmenen, Baschtunen, Armenier, Juden und Zaratustrier, zusammengehalten durch die gemeinsame, jahrtausendealte Geschichte.

Iranisch-Aserbaidschan ist mindestens so groß wie die Republik Aserbaischan. In Baku agieren mehrere Organisationen zur "Befreiung Süd-Aserbaidschans", die im Iran aber keinerlei Widerhall haben und sich ähnlich den Befreiungsbewegungen im Leben des Brian verhalten. Die Aserbaidschaner gehören zu den Turkvölkern. Ihre Sprache ähnelt sehr dem Türkischen, während die iranische Staatssprache, Pharsi, dem Indogermanischen zugehört und grammatikalische Ähnlichkeiten mit dem Deutschen hat.

Insgesamt wurde immer wieder darauf hingewiesen, daß die Situation im Iran weit differenzierter und hoffnungsvoller ist, als sie in den deutschen Medien dargestellt widt. Im politischen System finden sich deutlich mehr demokratische Elemente als in Nachbarstaaten wie Irak. Saudi-Arabien, Kuwait oder Afghanistan, und selbst viele der streng verbotenen Dinge wie westliche Musik sind inzwischen allgemein verbreitet. Das selbst in den Kleinstädten frei zugängliche und vollkommen unkontrollierte Internet schließlich hebelt die Zensur von Print- und Funkmedien weitgehend aus. Die Frage heute ist nicht mehr, ob der Wandel in Richtung Freiheit kommt, sondern nur noch, wie schnell und wie friedlich er vonstatten gehen wird.

Zum Abschluß noch ein Bild der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach bei Köln/Rhein, in der fast alle Seminar der Naumann-Stiftung stattfinden.

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