11/03/2003 Eintrag: "Arthur von Gwinner"

Gestern merkte ich, daß ich an meiner Textkonzeption etwas ändern muß. Bisher war mein Plan, die in der Neuen Friedrichstraße 35 tagenden Vereine aufzulisten und zu portraitieren. An anderer Stelle sollten dann noch die Vereine vorgestellt werden, die der ersten Gruppe nicht angehören, aber mit der Gesellschaft über ihre Führungsmitglieder eng verbunden sind. Doch diese Trennung läßt sich nicht aufrechterhalten. Ich muß das jüdische Vereinswesen als Ganzes vorab behandeln, um dann jeweils im Zusammenhang mit dem Ort (Neue Friedrichstraße 35) und mit den Personen (Gründungsmitglieder, Führungsmitglieder) auf die in Frage kommenden Organisationen zu verweisen.

Zudem habe ich herausgefunden, daß Arthur (ab 1908: von) Gwinner keine jüdischen Vorfahren hat und somit einer der wenigen Freunde dieser Art im Kaiserreich ist (der dritte, den ich ausfindig machen konnte). In seiner Autobiographie schreibt Gwinner zwar nicht ausdrücklich über die Religion seiner Vorfahren. Er erwähnt aber, daß sein Großvater Bürgermeister von Frankfurt (Main) war und daß einzelne meiner Freunde nicht damit einverstanden waren, daß ich eine getaufte Jüdin heiratete. Letzteres war 1885. Beides zusammengenommen läßt den Schluß zu, daß Gwinner zum einen keine Juden unter seinen Vorfahren hatte und daß er andererseits weniger Berührungsängste gegenüber jüdischen Milieus hatte als ein Gutteil seiner Zeitgenossen.

Kommentare

Es gibt sicher ein paar Unwägbarkeiten, aber eines scheint mir doch ausgesprochen sicher: Man wurde in der Freien Stadt Frankfurt (Main), der ehemaligen Krönungsstätte der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, dem Sitz des Deutschen Bundes, nicht Bürgermeister, wenn man getauft war oder getaufte Eltern oder Großeltern hatte. Man wurde überhaupt nur Bürgermeister oder Senator, wenn man zu einer der wenigen Dutzend renommierter, alteingesessener Familien gehörte.
Und auch die Mutter Arthur Gwinners dürfte nicht aus jüdischer Familie stammen, denn sonst hätte er bei der Erwähnung der Abstammung seiner Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf hingewiesen.

Sebastian || 03/11/2003 02:38 PM CET

Lieber Sebastian,
wie sieht es mit den Vorfahren der mütterlichen Linie aus? Außerdem könnte sein Großvater (väterlicherseits?) selbst geauft sein oder von getauften Eltern abstammen. Nicht immer war die konkrete Herkunft bekannt, auch nicht bei Inhabern solch' herausragender Stellungen wie eines BGM. Frag doch mal im Frankfurter Stadtarchiv an, ob über seine Familie etwas bekannt ist.

Ines || 03/11/2003 02:20 PM CET

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