27/10/2003 Eintrag: "Montagsbericht"

Heute begann ich mit Teil III meiner Dissertation. Der Einstieg war schwerer als gedacht, nicht zuletzt deshalb, weil die Quellenlage sehr punktuell ist. Im Gegensatz zu den bisherigen Abschnitten gibt es jetzt auch keine Chronik mehr, an der ich mich entlanghangeln kann. Nun, an diesen Umständen läßt sich nichts ändern, so daß ich mich jetzt auf bestimmte Einzelereignisse und die Analyse von Mitgliederverzeichnissen konzentrieren werde. Dieser Teil III wird unpersönlicher, auch weniger dynamisch. Ich kann die Dynamik nicht aufzeigen, nur ableiten. Erst für die Zeit des Nationalsozialismus werden die Quellen wieder dichter.

Die neue Ausgabe der Jewrejskaja Gaseta ist erschienen. Vier Seiten sind der Annullierung der Berliner Gemeindewahlen gewidmet. Albert Meyer gibt ein ganzseitiges Interview und breitet ein Kaleidoskop von Informationen, Meinungen und Gerüchten aus, das man so nicht annähernd in deutschsprachigen Zeitungen findet. Ich werde meine Leser hier nicht mit Details überschütten, zumal die meisten der beteiligten Personen sowieso allgemein nicht bekannt sind. Wichtig aber ist, daß das Russische zu einer Internsprache des deutschen Judentums geworden ist, mit deren Hilfe man Dinge diskutiert, die nicht an die breite deutsche Öffentlichkeit gelangen sollen. Meyer betont auch ausdrücklich, daß er die Jüdische Gemeinde nicht länger in den Negativschlagzeilen deutscher Medien sehen will. In der Jewrejskaja Gaseta hingegen diskutiert er alle laufenden Auseinandersetzungen im kleinsten Detail. Das wird künftige Historiker der deutsch-jüdischen Geschichte, die kaum des Russischen mächtig sein dürften, vor ernste Probleme stellen.

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