13/06/2002 Eintrag: "Interviews"

Bevor ich die Stadt für drei Tage verlasse, kommt hier eine Zusammenfassung der kurzen Woche. Wie mein mehrtägiges Schweigen an dieser Stelle bereits nahelegte, kämpfe ich zur Zeit hart mit den knappen zeitlichen Kapazitäten. Allerdings scheint das auch anderen so zu gehen, denn zur Zeit beträgt die durchschnittliche Zahl der Besucher dieses Tagebuchs 0,5. Sei's drum - diese halbe Person, die wohl auch heute vorbeischauen wird, soll nicht länger enttäuscht werden. Zunächst einmal kommt ein Text, den ich schon Montag und Dienstag unterwegs niederschrieb, bisher aber noch nicht in dieses Tagebuch übertrug.

In der Mendelssohn-Gesellschaft entstand die Idee, das in vielen älteren Mitgliedern noch lebende Wissen über die Mendelssohn-Großfamilie durch Interviews zu sichern und später systematisch auszuwerten. Ich erklärte mich zur Interviewführung bereit, und Sonntagabend kam es zum ersten Gespräch mit einem der unzählbaren Nachkommen Moses Mendelssohns. Über die Person und den Inhalt der Unterhaltung kann und möchte ich - auch wenn sie keineswegs geheim sind - hier im Internet nichts ausführen. Aber einige allgemeine Gedanken könnten von Interesse sein.
Die Interviews gehören nicht eigentlich zu den für das Fortschreiten meiner Dissertation notwendigen Tätigkeiten. Aber ich nehme mir die Zeit, nicht nur weil das Thema spannend ist und die Leute reizend sind. Das Ganze ist auch Übung und Generalprobe, quasi Praktikum für meine postdoktorale Zukunft. Neben einer beträchtlichen Wissenserweiterung sammele ich Erfahrungen mit dem Werkzeug Interview (einschließlich technischer Umsetzung) und im Umgang mit Menschen. Und ich spüre, ob mir die angestrebte berufliche Tätigkeit überhaupt so viel Freude bereitet und mich so fasziniert, wie es notwendig ist, um auf ihrer Grundlage ein selbständiges Einmannunternehmen aufzubauen. Die Prüfung am Sonntag jedenfalls war erfolgreich.
Sie hatte auch noch einen angenehmen Nebeneffekt: Ich wurde zur Stargardt-Auktion ins Opernpalais eingeladen. An der eigentlichen Versteigerung nahm ich nicht teil, sondern durchforstete am vorausgehenden Tag den Katalog und konnte die mich interessierenden Einzelstücke ganz in Ruhe in die Hand nehmen und studieren. Zwar merkte ich, daß ich wohl nicht zum Autographensammler geboren wurde, aber einige Dokumente faszinierten mich nichtsdestotrotz, so z. B. ein Brief eines Zarewitschs an seine Mutter aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der in feinster Schrift und vor allem noch in einem alten, längst vergangenen Russisch geschrieben wurde.

Ansonsten arbeitete ich in dieser Woche weiter am Text und konnte daneben einige interessante biographische Daten sammeln. Zudem wuchs meine Bibliothek um zwei wichtige Bände: Jacob Jacobsons "Jüdische Trauungen" und das Protokollbuch der Jüdischen Gemeinde Berlin aus den Jahren 1723-1854.

Kommentare

Welche Wege könnten das sein ? Der öffentliche Sektor in seiner Inflexibilität lockt mich weiterhin so wenig wie das Treten und Getretenwerden der Medienwelt oder der eingeschränkte Gesichtskreis der Public Relations größerer Unternehmen, die sich für Geisteswissenschaftler interessieren. Über Ergänzungen oder über eine Alternative zu meinen Plänen wäre ich froh und erleichtert, weil sie meine Ausgangslage nach Abschluß der Promotion erleichtern würde. Jedoch konnte ich bisher keine entdecken.

Sebastian || 06/18/2002 09:55 AM CET

Lieber Sebastian,
habe ich garnicht gewußt, dass Du Dein altes Projekt Praxis für Lebensgeschichte weiterhin favorisierst. Meinst Du nicht, dass sich nach Abschluß der Promotion andere Wege für Dich auftun werden? Dein jetziger Weg ist auf jeden Fall eine wundervolle Reise durch die Welt des Wissens - to keep ist short and simple!

Der halbe Leser || 06/13/2002 11:45 PM CET

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