10/09/2002 Eintrag: "Vossische Zeitung"

Wenn ich an den vergangenen Tagen stumm blieb, so ist es diesmal eindeutig meiner vollkommenen Auslastung zuzuschreiben. Oft hatte ich interessante Dinge zu erzählen, kam aber einfach nicht dazu. Doch jetzt möchte ich meine Leser nicht länger warten lassen. Zunächst ein paar Ergänzungen zu früheren Eintragungen:
1.
Wie die Berliner Zeitung heute berichtete, stimmten 70 % aller Teilnehmer an der Umfrage zum künftigen Namen des Kreuzungsbahnhofs im Berliner Zentrum für den historischen Namen "Lehrter Bahnhof", nicht für "Berlin-Mitte", nicht für "Berlin-Hauptbahnhof". Das Resultat: Der Senat in Person von Herrn Strieder und die Bahn in Person von Herrn Mehdorn einigen sich auf den Namen "Berlin Hauptbahnhof", der als Alibi die Zusatzbezeichnung "Lehrter Bahnhof" bekommen soll. Trotzdem ich das schon vermutete, bin ziemlich ärgerlich. Zwei Umfragen werden veranstaltet, die jedesmal ein eindeutiges Ergebnis bringen, und dann haben Senat und Bahn nichts anderes zu tun, als die Entscheidung zu ignorieren. Dann sollen diese beiden Institutionen doch mutig genug zu sein, gleich und ohne pseudodemokratische Sperenzchen ihre Wünsche zu diktieren.
2.
Das Bundesarchiv hat das Mißverständnis - ich sei der offizielle Vertreter des Sonderarchivs - aufgeklärt. Eine Archivamtsanwärterin habe den besagten Brief geschrieben und mich irrtümlich "befördert". So schnell geht das - die beste Voraussetzung für ein Rätselraten der nächsten Historikergeneration, die auf diesen Brief stößt.

In der Vossischen Zeitung, in der ich wieder ein wenig blätterte, gibt es neben für mich wichtigen Informationen immer wieder amüsante Anzeigen wie diese, die am 6. März und noch einmal am 7. März 1858 abgedruckt war:
Die Wasserleitung ist in allen Theilen Berlins gefroren, die theuere Einrichtung daher umsonst gemacht. Bei plötzlichem Thauwetter werden die meisten Leitungsröhren in den Straßen platzen und Keller mit Wasser überschwemmen, die dünnen Röhren aber, welche in den Häusern liegen, werden unendlichen Schaden thun.
Auch Hochwasser an der Oder oder in anderen Gebieten des heutigen Ostdeutschlands wurden regelmäßig vermeldet.

Am wichtigsten aber ist die Neuigkeit, die ich gestern im Zentrum für Berlinstudien entdeckte. Für die Topographie des jüdischen Berlins, an der ich arbeite, untersuche ich auch die Entwicklung der 1869 gegründeten orthodoxen Abspaltungsgemeinde Adass Jisroel. Sie bezog 1873 ihr erstes festes Quartier in der Gipsstraße, soviel wußte ich bereits. Gestern nun las ich, daß die Gemeinde zunächst in der Neuen Friedrichstraße 35, im Lokal der Gesellschaft der Freunde, tagte ! Wenn man bedenkt, wieviel böses Blut es damals zwischen den verschiedenen Flügeln des Berliner Judentums gab, erstaunt es doch, daß Adass Jisroel zur Gesellschaft der Freunde zog, zu einem Verein, der den Orthodoxen wie der Hort des Bösen erschienen sein müßte. Der Gemeinde Adass Jisroel wurde aber bald wieder gekündigt, weil ihr Rabbiner, Esriel Hildesheimer, in seinen Reden zu stark gegen die Jüdische Gemeinde von Berlin wetterte. Diese Informationen entstammen einer Jubiläumsschrift der Adass Jisroel. Als nächstes müßte ich noch einmal die Aktenbestände der Gemeinde, soweit sie überliefert sind, durchsehen. Nach Jerusalem werde ich deshalb nicht fahren, aber vielleicht findet sich etwas im Centrum Judaicum.

Kommentare

Hallo,
ich habe auf Ihrer Homepage gelesen, dass Sie sich mit der Vossischen Zeitung beschäftigt haben. Ich bin auf der Suche nach den Ausgaben der Vossischen Zeitung aus dem Zeitraum 1911 - 1915 (Feuilleton). Vielleicht können Sie mir sagen, wo sich das Archiv der Vossischen Zeitung befindet, bzw. wie man an Kopien entsprechener Artikel kommt. Vielen Dank im Voraus,
Miriam

Miriam || 01/25/2003 03:48 PM CET

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