06/06/2002 Eintrag: "Geschichtswissenschaft"

Bisher unterschied ich immer zwischen theorie- bzw. diskursorientierter und ereignisorientierter Geschichtswissenschaft. Aber nach einer intensiven Diskussion gestern, die eigentlich einen ganz anderen Ausgangspunkt hatte, möchte ich diese Kategorien wandeln und jetzt von kommunikationsorientierter und forschungsorientierter Geschichtswissenschaft sprechen. Natürlich heißt das nicht, daß die "Kommunikatoren" nicht forschen oder die "Forscher" weder reden noch schreiben. Die Begriffe sollen vielmehr auf das dominierende Basisinteresse beim Wissenschaftbetreiben hindeuten.
Kommunikationsorientierte Historiker befinden sich in stetem intensiven Austausch mit ihren Kollegen, sie wollen sich an ihnen reiben, sich mit ihnen auseinandersetzen, Gedankengebäude einreißen und aufrichten, Unbeachtetes in den Mittelpunkt stellen, und nichts geht ihnen über das Gewinnen neuer Einsichten in einer heißen Debatte.
Forschungsorientierte Historiker dagegen möchten herausfinden, wer wann was warum tat. Sie tragen Fakten zusammen und bauen das Mosaik einer historischen Person, Örtlichkeit, Organisation oder Begebenheit. Sie leben in den Raraabteilungen der Bibliotheken wie ein Fisch im Wasser und kennen in den Archiven selbst die unerschlossenen Kleinstbestände. Vielmehr als beim Erschließen neuer Forschungsfelder fühlen sie sich glücklich, wenn es ihnen gelingt, eine Forschungslücke zu schließen.
Beide Typen sind unauflöslich miteinander verknüpft. Ohne Bezug auf übergeordnete Diskussionen wird die reine Forschung irrelevant, und ohne konkreten Bezug auf Forschungsergebnisse wird ein kommunikationsorienterter Historiker zum Philosophen. Und selbstverständlich gibt es jede Abstufung und Übergangsform zwischen diesen beiden Idealtypen. Da es aber immer wieder zu Mißverständnissen zwischen den Vertretern dieser beiden Richtungen kommt, schien mir eine deutliche Unterscheidung der Grundmotivationen sinnvoll.

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